Geschwindigkeit und Stille, eine differenzierte Würdigung von Matthias Reichs
Japan lässt sich auf viele Arten bereisen, doch kaum eine ist so eng mit dem Selbstverständnis des Landes verbunden wie die Bahn. Matthias Reich nimmt diesen Gedanken ernst und macht ihn zum Ausgangspunkt seines Buches „Japan mit dem Zug entdecken“. Sein Werk versteht sich weniger als klassischer Reiseführer denn als Einladung, Japan entlang seiner Schienen zu lesen – als kulturellen Raum, als Landschaftserlebnis und als Spiegel einer Gesellschaft zwischen Tradition und Hochtechnologie.
Die Stärke des Konzepts
Reichs Ansatz ist überzeugend. Indem er die Bahnreise ins Zentrum stellt, öffnet er einen Zugang zu Japan, der über Sehenswürdigkeiten hinausgeht. Der Shinkansen, regionale Nebenstrecken oder spektakuläre Küstenlinien werden nicht nur als Transportmittel beschrieben, sondern als narrative Achsen, entlang derer sich Geschichten, Landschaften und kulturelle Eigenheiten entfalten.
Besonders gelungen ist die Auswahl der Routen: Neben den bekannten Metropolen finden auch weniger touristische Regionen ihren Platz. Dadurch entsteht ein Bild Japans, das facettenreicher wirkt als viele konventionelle Reiseführer. Reich zeigt, dass das Land der Kontraste nicht nur zwischen Tokio und Kyoto existiert, sondern auch zwischen urbaner Geschwindigkeit und ländlicher Ruhe.
Zwischen Information und Inspiration
Stilistisch bewegt sich das Buch souverän zwischen praktischer Anleitung und atmosphärischer Beschreibung. Reich schreibt klar, zugänglich und gut strukturiert. Seine Texte sind nie überladen, aber auch nicht trocken; sie vermitteln Wissen, ohne den Leser mit Details zu erschlagen.
Hier liegt jedoch auch eine der wenigen Schwächen des Buches: An manchen Stellen bleibt die Darstellung bewusst auf der sicheren Seite. Wer tiefere kulturhistorische Einordnungen, gesellschaftliche Analysen oder persönliche Reflexionen erwartet, wird gelegentlich mehr Tiefe vermissen. Reich bleibt häufig Beobachter, wo ein stärker subjektiver Blick das Buch noch prägnanter hätte machen können.
Der Blick auf Japan – ausgewogen, aber vorsichtig
Das Bild Japans, das „Japan mit dem Zug entdecken“ zeichnet, ist stimmig, aber stellenweise harmonisiert. Konflikte, Brüche oder problematische Aspekte des modernen Japan treten hinter der Ästhetik der Reiseerfahrung zurück. Das ist legitim – schließlich handelt es sich nicht um eine soziologische Studie –, doch gerade im Kontext eines Landes, das von Spannungen zwischen Tradition und Gegenwart geprägt ist, hätte eine pointiertere Perspektive das Buch bereichert.
Gestaltung und Lesbarkeit
Die Ausstattung entspricht dem hohen Standard des Bruckmann Verlags: übersichtlich, visuell ansprechend und praktisch nutzbar. Das handliche Format macht das Buch zu einem Begleiter, der sowohl zur Reiseplanung als auch zur Lektüre unterwegs geeignet ist.

Fazit: Ein überzeugendes Buch mit Raum nach oben
„Japan mit dem Zug entdecken“ ist ein klug konzipiertes, gut geschriebenes und inspirierendes Buch, das Japan aus einer reizvollen Perspektive erschließt. Matthias Reich gelingt es, die Bahnreise als kulturelles Erlebnis sichtbar zu machen und den Leser auf eine Reise mitzunehmen, die über das bloße Abhaken von Sehenswürdigkeiten hinausgeht.
Seine größte Stärke – die zugängliche, harmonische Darstellung – ist zugleich seine kleine Schwäche: Wer mehr analytische Tiefe oder eine stärkere persönliche Handschrift sucht, wird gelegentlich ein Mehr an Reflexion vermissen. Doch gerade in seiner Balance zwischen Information und Inspiration liegt die Qualität des Buches.
Als Reiselesebuch und Einstieg in das Thema Bahnreisen in Japan ist es uneingeschränkt empfehlenswert – nicht als endgültige Antwort auf die Frage, wie man Japan verstehen kann, sondern als kluger, anregender Anfang.
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Autor: Matthias Reich
Verlag: Bruckmann Verlag GmbH
Erscheinungsjahr: 2025
Einband: Taschenbuch
Seitenzahl: 224 Seiten
ISBN-13 / EAN:
978-3-7343-3186-2
EAN: 9783734331862
Preis:
UVP 22,99 €




